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Was lief 2020 bei Omar Narváez falsch?

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Die MLB Saison 2020 war komisch: Leere Stadien, Spielabsagen en masse und neue Spielregeln (DH in NL, Taxi-Squad, Runner on Second in Extra Innings, etc.)! 

Es liegt daher natürlich nahe, dass “Ausrutscherleistungen” (sowohl negativ als auch positiv) zumindest teilweise auf diese Faktoren zurückzuführen sind. Hier will ich heute einen Spieler betrachten, der im vergangenen Jahr überraschend schlecht war und in der jetzigen Saison auf einmal komplett aufdreht: Omar Narváez, Catcher der Milwaukee Brewers! 

Narváez‘ starkes Jahr 2019

Nachdem Narváez im November 2018 von den Chicago White Sox zu den Seattle Mariners getradet wurde, schien es als hätte er sein Spiel auf ein neues Level gebracht. Im Jahr 2019 spielte er seine bisher beste Saison mit einer Triple-Slash-Line von .278/.353/.460 und 22 Home Runs und das obwohl seine durchschnittliche Exit Velocity (85.5mph) in den unteren 5% der MLB und seine Hard Hit Percentage in den unteren 9% der MLB lag.

Es war keine unglaublich gute Saison, aber definitiv ein Lichtblick für die Mariners, die nach der Saison 2018 ihren besten Catcher, Mike Zunino, an die Tampa Bay Rays verloren. Zunino hatte zu diesem Zeitpunkt in drei der letzten fünf Saisons über 20 Home Runs geschlagen, aber mehr als Power Hitting war in der Batting Box nicht wirklich drin (seine OBP lag nur in zwei dieser fünf Saisons über .300, in den anderen drei Saisons war sie immer unter .260). Man hatte nun anscheinend einen Catcher, der Power hat und auch sonst auf Base kommen kann (seit seinem Debüt im Jahr 2016 hatte Narváez immer eine OBP von über .350). 

Trade zu den Brewers und unterirdische Leistung

Omar Narváez (Credit: KAMIL KRZACZYNSKI-USA TODAY SPORTS)

Zur 2020er Saison wurde er dann jedoch zu den Milwaukee Brewers getradet und es kam eine Saison, in der Narváez unterirdisch gespielt hat. Unterirdisch? “Da übertreibt er jetzt aber sicher!” mag sich der ein oder andere nun denken, aber unterirdisch ist tatsächlich die beste Beschreibung!

Narváez war in den unteren 1% der MLB in xBA (.172), den unteren 2% in xSLG (.294), den unteren 5% in wOBA (.262), den unteren 2% in Hard Hit Percentage (21.7%) und den unteren 10% in Strikeout Percentage (31%). 

Ich will direkt anhängen, wie gut Narváez in dieser Saison ist (er hat aktuell ungefähr 30 PAs weniger als in der vergangenen Saison, was man natürlich nennen muss) und das mache ich einfach, in dem ich euch seine aktuellen Zahlen in den oben genannten Statistiken nenne: Narváez hat aktuell eine xBA von .326 (Top 2% in der MLB), eine xSLG von .541, ein wOBA von .426 (Top 3% in MLB), eine HardHit% von 33.8% und eine Strikeout% von 12.8% (Top 6% in MLB)!

Wie oft geht ein Spieler von den unteren 1% in einer Statistik zu den oberen 2%? Das ist wirklich eine unglaubliche starke Verbesserung und das kann meines Erachtens nicht nur an der Pandemie-Situation des vergangenen Jahres liegen! Um diese Verbesserung zu analysieren, werden wir uns einige Statistiken genauer anschauen und auch einige At-Bats betrachten, um Unterschiede zu suchen.

Load Position

Was mir als erstes aufgefallen ist, als ich mir die At-Bats von Navarez angeschaut habe, ist der Unterschied in seiner Load Position. Beim Load, der bei jedem Spieler anders aussieht, bringt man seine Momentum auf die Hinterseite, um dann explosiv und mit erhöhter Kraft den Ball zu treffen. 

Als Beispiel habe ich dazu mal ein At-Bat von Narvaez gegen Pirates Pitcher Richard Rodriguez aus dem Jahr 2020 und 2021 herausgesucht, die beide ungefähr in der gleichen Position landen, beide Four-seam Fastballs sind und auch ungefähr die gleiche Geschwindigkeit haben. 

2020
2021

Man sieht hier direkt, dass diese beiden Positionen sehr unterschiedlich sind. Im Jahr 2020 hat Narváez deutlich tiefer gestanden, in dem er mehr in die Knie gegangen ist, wobei dies natürlich vor allem am hinteren Bein zu sehen ist (blaue Markierung). Der Kontrast zu 2021 ist dabei immens. In dieser Saison steht Narváez deutlich aufrechter und die Position sieht auch „lockerer“ aus. Auch der Oberkörper ist deutlich aufrechter, als er es im Jahr 2020 war (rote Markierung). Zudem bringt Narváez, im Gegensatz zu 2020, seine Hände beim „Load“ nicht mehr so stark „hinter“ den Kopf.

Wenn wir nun aber einmal diese beiden Loadpositionen mit der Loadposition aus dem Jahr 2019, in dem er seine bisher beste Saison gespielt hat, vergleichen, dann ähnelt diese schon deutlich mehr der 2020er Version von Narváez.

2019, 2020, 2021

Der einzige Unterschied, der zwischen 2019 und 2020 auffällt ist, dass Narváez im Jahr 2020 seine rechte Schulter etwas mehr eindreht. Der Gedanke dahinter ist vermutlich, dass man durch weiteres eindrehen noch mehr Momentum generieren kann, um mehr harten Kontakt zu machen. Ich glaube, dass dies einen negativen Effekt gehabt hat und uns zumindest Ansatzweise zu einer Erklärung verhelfen kann, aber den Leistungseinbruch von 2019 auf 2020 können wir damit nicht ganz begründen, denn er hat dies nicht in jedem At-Bat gemacht. Allgemein ist finde ich, dass Narváez teilweise sehr inkonsistent ist, was seine Hitting-Motion angeht, was einen guten von einem sehr guten Spieler unterscheidet.

Stats gegen Fastball

Das große Problem hinter der schlechten Leistung im Jahr 2020 entdecken wir jedoch, wenn wir auf seine Batting Stats je Pitch Type schauen und besonders wenn wir dabei auf den Fastball achten.

Der Fastball ist (mit knapp über 50 %) noch immer der am meisten geworfene Pitch Type und Narváez ist normalerweise sehr gut gegen ihn. Im Jahr 2020 war dies jedoch nicht der Fall: Während er im Jahr 2019 noch ein wOBA von .425 gegen den Fastball hatte, sank dieser im Jahr 2019 auf .252 ab! 55,8 % aller Pitches, die Narváez im Jahr 2020 gesehen hat, waren Fastballs, wodurch ein Einbruch von .173 beim wOBA vs. Fastballs unglaublich große Implikationen für den Total-wOBA hat. Dieses Jahr hat Narvaez bisher ein wOBA vs. Fastballs von .531 und ein Total-wOBA von .426. Es ist also nicht schwer zu erkennen, dass die Leistung gegen den Fastball und die Gesamtleistung in der Batter’s Box hier korrelieren.

Jetzt wissen wir zwar, dass seine Leistung gegen den Fastball schlechter war, aber das „Warum?“ ist damit noch nicht beantwortet.

Beim Hitting ist eines am wichtigsten: Man muss eine Routine haben, die möglichst „flüssig“ sein sollte! Wenn man beispielsweise Mike Trout zusieht, dann ist sein Ablauf beim Schlagen immer gleich und selbst wenn er mal einen Pitch bekommt, den er nicht erwartet hat, ist der Ablauf – Wann gehe ich mit dem vorderen Fuß runter? Wann hole ich meine Hände nach vorne? Wann drehe ich die Hüfte rein? etc. – immer ein „flüssiger“ Ablauf und es sieht eigentlich immer gleich aus. Genau dies war bei Omar Narváez im Jahr 2020 nicht der Fall!

Besonders gegen den Fastball schien es so als würde er Pitches falsch einschätzen, wodurch seine Hitting-Motion teilweise sehr „unflüssig“ aussah und man den Eindruck hatte als würde er durcheinander kommen. Oftmals hatte man auch den Eindruck, dass er einfach zu aggressiv auf 50/50 Pitches ging, was er später selbst bestätigte.

Ich will einmal zwei Beispiele für meine Observation zeigen. Zu Vergleichszwecken will ich euch jedoch erst ein gutes At-Bat von Omar Narváez zeigen

Home Run vs. Daniel Mengden (Oakland A’s), 07.07.2019

Narváez bekommt einen Four-seam Fastball über die Mitte der Platte und schlägt ihn aus dem Stadion. Hier sieht man deutlich, was ich mit „flüssig“ meine: Die Hüfte beginnt sich einzudrehen und Millisekunden danach schießen die Hände nach vorne und Zack, der Baseball ist aus dem Stadion draußen!

Swinging Strike vs. Spencer Turnbull (Detroit Tigers), 02.09.2020

Narváez bekommt einen Fastball, der ebenfalls beinahe direkt über die Platte geht und dieses Mal ist es eben nicht „flüssig“: Beim schlagt „stockt“ er etwas und der Schwung scheint so gut wie nur aus den Armen zu kommen!

Swinging Strike vs. Joe Jimenez (Detroit Tigers), 02.09.2020

Im selben Spiel macht Joe Jimenez einen schönen Pitch (was man würdigen muss), Narváez schätzt diesen scheinbar falsch ein und versucht irgendwie noch an den Ball zu kommen.

Man kann Narváez hier natürlich verteidigen und sagen, dass dies vielen anderen Spielern auch mal passiert und das wäre eine faire Entschuldigung. Das Problem ist jedoch, dass Narváez das gesamte Jahr hinweg solche Pitches falsch eingeschätzt hat oder zu aggressiv auf diese Pitches ging. Oftmals war er auch gegen Fastballs auf der Innenseite der Platte zu spät und das nicht nur gegen Pitches, die in der Range von 96+mph waren, sondern auch gegen Fastballs in der 90-92mph Range.

Ich könnte hier noch einige andere Beispiele zeigen, viele davon sehen bei weitem nicht so „übel“ aus, wie die zwei vorgestellten, jedoch ist der beste Beweis für meine Begründung seine Whiff-Rate von 33,8 % gegen den Fastball. Damit sind 33,8 % aller Swings gegen Fastballs am Ball vorbeigegangen! Zum Vergleich: Im Jahr 2019 lag diese bei nur 20 % und in dieser Saison liegt sie bei 21,9 %!

Wenn das Timing nicht stimmt und man zu spät erkennt, dass ein Ball doch in die Strikezone kommt, dann davon überrascht ist, durcheinander kommt und einfach nur noch versucht den Ball zu treffen, dann trifft man den Ball logischerweise seltener. Narváez selbst meinte, dass er „einfach nach allem geschwungen“ hat und Brewers Hitting Coach Andy Haines meinte, dass er zu viel Druck auf sich genommen hat. Dies kann natürlich auch ein Grund für die Fehler in der Batting Box sein, denn wenn man mehr Druck hat, dann neigt man im Normalfall zu mehr Fehlern!

“You could see him [Narvaez] trying to do way too much,” Haines said. “I said it not (just) about Omar, but about a lot of hitters I was watching, they’re literally trying to have a good season with every swing they took. You can see it. And baseball cannot be played that way. It can’t. If the game’s ever sent us a reminder that it can’t be played that way, it sent us a pretty strong one in 2020.”

Narváez agrees he didn’t have the right approach at the plate last season.

“I was just swinging at everything,” Narváez said. “I was putting myself in bad position to try to hit the ball. That’s one of the adjustments I’m trying to make this offseason. I’m going to stick with it during the season.”

Auszug aus einem Associated Press Artikel über Omar Narváez: Brewers‘ Narvaez seeks to regain hitting form he had in AL

Plate Discipline

Wenn wir nun mit dem Wissen, dass Narváez‘ Timing, das richtige Einschätzen von Pitches und übertriebene Aggressivität die Probleme waren, auf seine 2020er Stats schauen, dann machen einige dieser Stats auch direkt mehr Sinn.

An erster Stelle denke ich dabei an seine Swing Percentage bei Pitches, die außerhalb der Strikezone (O-Swing%) lagen! Diese lag im vergangenen Jahr mit 35,7 % deutlich über dem MLB-Durchschnitt und es ergibt durchaus Sinn, dass man bei Problemen mit der Einschätzung von Pitches öfters auch versucht ungünstige Pitches zu treffen. Eigentlich ist Narvaez ziemlich gut, wenn es darum geht, Pitches außerhalb der Zone zu treffen, so hatte er im Jahr 2019 eine O-Contact% von 72,9 % (also endeten beinahe 3/4 seiner Swings bei Pitches außerhalb der Strikezone mit Kontakt), diese lag im Jahr 2020 dann nur noch bei 61,2 %, sprich 11,7 Prozentpunkte schlechter als im Vorjahr.

Natürlich ist dadurch auch die erhöhte Strikeout Percentage von 31,2 % zu erklären, denn auch diese war sehr untypisch. Zuvor hatte Narvaez nur im Jahr 2018 eine Strikeout Percentage von höher als 20 % (2018: 20,2 %)!

Was läuft 2021 anders?

Wenn wir uns seine diesjährigen Stats in Erinnerung rufen, die ich bereits weiter oben genannt habe, dann sieht es aktuell so aus als wäre dies nur ein Ausrutscher gewesen, dafür war es direkt ein sehr, sehr großer!

Allgemein ist es bekannt, dass Narváez kein „Advanced Stats Guy“ ist, denn beispielsweise seine Exit Velocity (EV) ist eigentlich immer sehr unterdurchschnittlich, was ich vorhin schon angedeutet habe. Trotzdem hat er sich hier, im Vergleich zur Saison 2020, deutlich gesteigert. Mit einer durchschnittlichen EV von 87.5mph liegt er deutlich über dem Wert vom vergangenen Jahr (81.6mph). Das ist definitiv interessant, denn wie wir vorhin gesehen haben, sah es so aus als hat Narváez im vergangenen Jahr versucht mehr Kraft auf den Ball zu bekommen und trotzdem schlägt er nun, mit einer scheinbar relaxteren Haltung, härter denn je. Der prozentuale Anteil an den getroffenen Bällen, die durch Statcast als „Hart“ eingestuft werden, liegt bei Narváez in diesem Jahr zum ersten Mal über dem Durchschnitt in der MLB.

Tatsächlich macht Narváez in dieser Saison nicht nur so viel harten Kontakt wie jemals zuvor, sondern er trifft allgemein den Ball deutlich besser. Ein Indikator dafür ist seine überragende Sweet Spot Percentage. Kurzgefasst: Der Sweet Spot bei einem Baseballschläger ist die Stelle, an der der Schläger bei Kontakt am wenigsten vibriert und der Ball dadurch weiter fliegt. Aktuell hat Narváez eine Sweet Spot Percentage von 51,3 %, im vergangenen Jahr lag diese nur bei 36,2 % (sein bisheriger Bestwert lag bei 43,8 %).

Kurz zusammengefasst: Narváez trifft in dieser Saison bisher nicht nur bessere Entscheidungen, ob er einen Ball schlagen soll (bzw. kann), sondern wenn er sich dazu entscheidet auf einen Ball zu schlagen, dann macht er dies mit einer höheren Genauigkeit und einer höheren Effektivität denn je zuvor.

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Silvio
20-jähriger Student, welcher zu den scheinbar wenigen Leuten in den deutschsprachigen Ländern gehört, welche Baseball tatsächlich als nicht langweilig empfinden und daran sogar eine große Freude finden. Darüber hinaus auch noch am American Football, spezifisch College Football, interessiert.

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