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Auslaufender Tarifvertrag: Die bevorstehende Aussperrung in der MLB!

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Wenn der Donnerstag dieser Woche anbricht, kann möglicherweise kein Spieler die Einrichtungen seines Teams aufsuchen, und kein Team wird in der Lage sein, Transaktionen im Zusammenhang mit MLB-Spielern vorzunehmen – warum? Der Tarifvertrag (engl. Collective Bargaining Agreement) der MLB läuft aus, was zu einer ähnlichen Situation wie bei dem großen MLB-Streik von 1994/1995 führen könnte. Alles, was ihr darüber wissen müsst, werde ich versuchen, hier zu erklären.

Um den Sachverhalt bestmöglich darzulegen, sollten wir vielleicht ganz grundlegend beginnen und die Situation rund um das Collective Bargaining Agreement (kurz: CBA) etwas ausführlicher darlegen.

Über den Tarifvertrag

Ein Tarifvertrag ist ein rechtlicher Vertrag zwischen einem Arbeitgeber und einer Gewerkschaft, die die Arbeitnehmer vertritt, der in der Regel Fragen wie Löhne, Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen regelt. In unserem Fall hier ist der Arbeitgeber die Major League Baseball (MLB) und die vertretende Gewerkschaft ist die Major League Baseball Players Association (MLBPA)

Die MLBPA wurde 1966 offiziell als Gewerkschaft anerkannt und handelte 1968 ihren ersten Tarifvertrag mit der MLB aus, der damals eine Erhöhung des Mindestlohns von 6.000 auf 10.000 Dollar pro Jahr vorsah. Bei jedem Auslaufen dieses Tarifvertrags verhandelt die MLBPA im Auftrag der Spieler mit der MLB, was seit den ersten Tarifverhandlungen häufig der Fall war. Das letzte Mal, dass der Tarifvertrag auslief, war im Jahr 2016, aber eine neue Vereinbarung wurde (relativ) schnell erreicht.

Jetzt ist es wieder so weit, aber nun scheint alles anders zu sein. Warum ist dies so?

Die MLBPA und die MLB scheinen sich nicht einigen zu können, was wohl mit der Tatsache zusammenhängt, dass die Spielergehälter seit dem letzten Tarifvertrag gesunken sind, während die MLB durch neue Fernsehverträge einen erheblichen Einnahmeschub erhält. Vor ein paar Tagen hat die MLBPA ein 36-seitiges Dokument an die Spielervermittler geschickt, in dem es darum geht, was bei einem künftigen Lockout erlaubt ist, und auch dieser Punkt wurde dort noch einmal hervorgehoben:

“A broad assessment of our industry shows that Player value and Player compensation are not moving in the right direction. We have fundamental concerns about the integrity of the system as it is currently operating.”

Schreiben der MLBPA, wie von The Athletic zitiert

Die Associated Press (AP) veröffentlichte im April dieses Jahres eine sehr lesenswerte Studie, aus der hervorging, dass das Durchschnittsgehalt in der Major League seit Beginn der Saison 2019 um 4,8 % auf knapp 4,17 Millionen Dollar am Opening Day gesunken ist. Seit dem Beginn der Saison 2017 ist der Durchschnitt um 6,4 % gesunken.  

Die AP analysiert dies bereits im April wie folgt:

„Players are unhappy with the slide in salaries under the current collective bargaining agreement, even before last year’s pandemic-shortened season, and intend to press for changes during labor talks this year to replace the contract that expires Dec. 1.“

Ein weiterer Streitpunkt bei den Verhandlungen ist die sogenannte Service Time, die eng mit dem eben Ausgeführten zusammenhängt. Die Service Time ist die Zeit, die ein Spieler in der aktiven MLB-Liste oder auf der Verletztenliste gestanden hat. Ein Spieler wird am Ende der Saison, in der er sechs Jahre Service Time erreicht hat, zum Free Agent. Ein Jahr Service Time, die maximale Anzahl, die ein Spieler in einer Saison erreichen kann, beträgt 172 Tage, während eine MLB-Saison normalerweise 187 Tage dauert.

Service Time Manipulation

Vermutlich können sich auch diejenigen ohne bisherige Kenntnis dieser Situation vorstellen, dass Teams dies ausnutzen könnten und dies ist tatsächlich etwas, was nicht selten vorkommt, sondern so gut wie jeden guten Prospect betrifft. Die sogenannte Service Time Manipulation sieht meistens wie folgt aus: 

Ein Team entscheidet, dass ein Prospect bereit ist, in die Major Leagues berufen zu werden. Wenn das Team jedoch beschließt, nur 16 Tage zu Beginn einer Saison zu warten, um den Prospect in die MLB zu holen, kann es garantieren, dass der Spieler sein sechstes Jahr an Service Time erst am ersten Tag seiner siebten Saison anrechnen lassen kann. Wenn ein Team nur 16 Tage mit der “Beförderung” eines Spielers wartet, kann es eine zusätzliche Saison für die Kontrolle des Spielers gewinnen. Diese zusätzliche Saison kann auch mit dem Mindestgehalt der Liga gespielt werden, da die Spieler erst in der Saison, in der sie drei Jahre Service Time angesammelt haben, für ein salary arbitration in Frage kommen. (Mehr Infos können in diesem Artikel gefunden werden, der den Sachverhalt darstellt)

Man kann leicht verstehen, warum Spieler damit nicht einverstanden sind. Vielleicht mache ich das mal an einem Beispiel deutlich: Vlad Guerrero Jr. von den Toronto Blue Jays spielte im vergangenen Jahr eine unfassbar starke Saison, in der er seine erste All-Star-Nominierung genoss und am Ende der Saison die zweitmeisten AL MVP Stimmen bekam. Da dies jedoch erst die dritte Saison war, die er in der MLB verbrachte, nahm er nur das Minimumgehalt von 605.400 Dollar ein. Der vermutlich bekannteste Fall von Service Time Manipulation war Kris Bryant und die Chicago Cubs, wozu Sports Illustrated einen lesenswerten Artikel geschrieben hat.

Vladimir Guerrero Jr. (Julio Aguilar/Getty Images)

Bei den Verhandlungen geht es also in erster Linie um die Gehälter der Spieler, sodass die MLBPA im Allgemeinen auch höhere Mindestlöhne fordert. Aber die MLBPA drängt auch auf Änderungen in Bezug auf die Luxussteuer, die Designated Hitter Rule und viele andere Dinge, eine detaillierte Auflistung aller möglichen Forderungen würde den Rahmen dieses Artikels an dieser Stelle sprengen.

Lockout?

Nun steht natürlich noch die große Frage im Raum, was es mit der Deadline vom 1. Dezember, dem kommenden Mittwoch, auf sich hat.

Wie bereits erwähnt, läuft der Tarifvertrag am Ende dieses Tages aus, und da es keinen Tarifvertrag mehr geben wird, wird es zu einem Lockout kommen, was bedeutet, dass die Teams die Spieler buchstäblich aussperren werden. Der Geschäftsführer der MLBPA Tony Clark hat bereits öffentlich gesagt, dass man “die Tage, die uns vor und nach dem Ablauf der Frist zur Verfügung stehen, vollständig ausnutzen” will.

Das große Rätsel ist nun, ob in den nächsten zwei Tagen noch eine Einigung erzielt werden kann oder ob es tatsächlich zu einer Aussperrung kommen wird und wie diese aussehen wird. Im Jahr 1994 gab es einen großen Streik der MLBPA und ihrer Spieler, der noch während der Saison 1994 begann, die dann nicht beendet wurde und erst mit einem verspäteten Beginn 1995 für beendet erklärt wurde. Es war die längste Arbeitsniederlegung im Profisport bis zur Aussperrung in der NHL 2004-2005. 

Vielleicht ist es hier als kleine Nebenbemerkung wichtig, zwischen einem Streik und einer Aussperrung (Lockout) zu unterscheiden; ein Streik ist in der Regel das mächtigste Instrument, das den Arbeitnehmern in einem Arbeitskonflikt zur Verfügung steht, während eine Aussperrung das mächtigste Instrument ist, das der Unternehmensleitung zur Verfügung steht. Mit anderen Worten, beide bedeuten, dass keine Arbeit stattfindet, aber die eine wird von den Arbeitnehmern und die andere von den Arbeitgebern initiiert.

Allerdings würde ich die Stimmung unter Experten und Insidern derzeit so beschreiben, dass niemand glaubt, dass eine Situation wie in den 90er Jahren entstehen wird, und auch die Spieler scheinen derzeit nicht davon auszugehen, dass die kommende Saison in Gefahr ist.

Effekt auf die Free Agency

Der letzte Punkt, auf den ich hier kurz eingehen möchte, ist die Free Agency. Eine Auswirkung eines möglichen Lockouts ist natürlich, dass die Teams auch keine neuen Spieler unter Vertrag nehmen können, was in den letzten Tagen und Stunden zu einem sehr hohen Aufkommen an großen Vertragsabschlüssen geführt hat. So hat Max Scherzer wohl schon vor ein paar Tagen interessierten Teams gegenüber zugegeben, dass er auf jeden Fall vor dem 1. Dezember bei seinem zukünftigen Team unterschreiben will.

Eine Unterschrift vor dem drohenden Lockout bringt wahrscheinlich die meiste Sicherheit und Ruhe, sodass man sich nicht so viele Gedanken darüber machen muss, wann der Lockout endet, aber wenn man nicht unter Vertrag steht und der Lockout wirklich bis zum kommenden Frühjahrstraining andauern sollte, dann muss man in der Lage sein, seine Lebenssituation schnell anzupassen und hoffen, dass die richtige Option/das richtige Team noch verfügbar ist.

Es hat jedoch den Anschein, dass viele große Free Agents bereits einen Vertrag unterzeichnet haben oder in den kommenden Tagen einen unterzeichnen werden. So hat sich beispielsweise SS Marcus Semien am Sonntag mit den Texas Rangers auf einen 7-Jahres-/175-Millionen-Dollar-Vertrag geeinigt, während SS Corey Seager immer noch auf seinen großen Vertrag wartet (laut Jon Heyman von MLB Network könnte er auch zu den Rangers gehen). 

Ich denke, dass uns in den nächsten drei Tagen einige sehr interessante Nachrichten in Bezug auf die Free Agency bevorstehen, denn es ist noch offen, wohin RHP Max Scherzer, SS Carlos Correa, 3B/OF Kris Bryant, 1B Freddie Freeman, LHP Robbie Ray und viele andere wechseln werden. Normalerweise wartet man immer die gesamte Free Agency auf eine große Verpflichtung, und jetzt haben wir eine Situation, in der wir (so ziemlich) sicher sein können, dass uns große News jeden Moment erreichen können. Wer schon einmal mit dem Gedanken gespielt hat, seine Twitter-Benachrichtigung für Jeff Passon, Ken Rosenthal, Jon Heyman und Co. anzuschalten: Nun wäre ein guter Zeitpunkt dafür, um kein wichtiges Signing zu verpassen!

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Silvio
20-jähriger Student, welcher zu den scheinbar wenigen Leuten in den deutschsprachigen Ländern gehört, welche Baseball tatsächlich als nicht langweilig empfinden und daran sogar eine große Freude finden. Darüber hinaus auch noch am American Football, spezifisch College Football, interessiert.

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